Polizistentrick

„Hier spricht die Polizei. Ihre Tochter ist bei uns. Sie hat einen Autounfall verursacht. Da die Versicherung nicht bezahlt wurde, muss sofort ein Betrag von EUR … . erlegt werden. Sonst muss sie hier bleiben.“

„Bei der Aufklärung von Wohnungseinbrüchen haben wir bei den Täter:innen eine Liste gefunden, auf der auch Ihr Name steht. Zwei Täter:innen sind noch unterwegs. Um Sie und Ihr Geld zu schützen, kommen wir jetzt bei Ihnen vorbei und kontrollieren, ob alles in Ordnung ist.“

Wenn ein Telefonat so oder so ähnlich beginnt, dann ist Vorsicht geboten. Am besten legen Sie gleich auf. Die Anrufer:innen machen Druck, appellieren an Ihre Hilfsbereitschaft, drängen auf rasches Handeln und schüren die Angst um liebe Angehörige oder vor dem Verlust des eigenen Geldes. Sogar echt aussehende Dienstausweise kommen zum Einsatz. Die falschen Polizist:innen lassen sich Geld und Wertsachen zeigen und „stellen diese sicher“, sie holen die geforderte „Kaution“ persönlich ab oder kommen zu einem vorab vereinbarten Treffpunkt.

Egal wie es im Detail läuft. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Das Geld ist weg. Und der Ärger hinterher ist groß.

Der Trick tritt bereits seit Jahren in den folgenden zwei Grundvarianten auf:

  • die Diebesbandenvariante und
  • die Kautions-/Unfallvariante.

Seit einiger Zeit ist eine dritte Variante zu beobachten, bei der dem Opfer unterstellt wird, eine Straftat begangen zu haben.

Achtung Diebesbande!

Bei der ersten Masche wird den Opfern erzählt, in ihrer Gegend würden momentan viele Einbruchsdiebstähle stattfinden. Die Diebesbande würde es vermutlich demnächst bei den Betroffenen versuchen. Daher sollen alle Wertgegenstände und Bargeld umgehend der Polizei in sichere Verwahrung gegeben werden. Diese Wertgegenstände werden dann von den Anrufer:innen oder Mittäter:innen abgeholt, um „in Sicherheit gebracht“ zu werden.

Ihre Tochter hatte einen Unfall …

Beim Kautionstrick behaupten die Täter:innen, nahe Angehörige der Opfer hätten einen Unfall verursacht und dabei sei ein Mensch schwer verletzt worden oder sogar ums Leben gekommen. Um eine sofortige Gefängnisstrafe der Angehörigen zu vermeiden, müsse eine Kaution bezahlt werden, die diese aber nicht aufbringen können. Ein:e Polizist:in würde vorbei kommen und das Geld beim Opfer abholen. Beharrt man darauf, mit den Angehörigen persönlich zu sprechen, wird das Telefon an jemanden weitergegeben, der/die dann herzzerreißend in den Hörer schluchzt und offenbar verzweifelt und nicht gesprächsfähig ist. Oft haben die Täter:innen auch erstaunlich konkrete Informationen über die angeblichen Unfallverursacher:innen (Alter, Aussehen, Kinder,…). Das Gespräch lebt aber auch davon, dass das Opfer Information preis gibt.

Wir haben Sie ertappt!

In Mails mit Absendern wie Bundeskriminalamt, Polizei oder sogar Interpol wird den Betroffenen mitgeteilt, dass gegen sie ein Verfahren wegen einer sexuellen Straftat eingeleitet worden sei. Meist bezieht sich der Vorwurf auf Kinderpornografie.

Es handelt sich dabei um sogenannte Phishing-Mails. Deren Ziel ist, den Betroffenen persönliche Finanz-Daten (z.B. die Zugangsdaten zum Online-Banking) zu entlocken. Oder es wird durch das Öffnen von Links oder Anhängen eine Schadsoftware auf dem Computer installiert, die diese Daten in weitere Folge ausspioniert.

Wie konnte ich nur darauf hereinfallen?

Sowohl die Opfer, als auch deren Umfeld, sind im Nachhinein meist fassungslos, wie sie „auf so etwas“ hereinfallen konnten. Mit Abstand betrachtet scheint es kaum nachvollziehbar, wie das passieren konnte.

„Warum betrügerische Täuschungen trotz ihres meist simplen Grundprinzips eine hohe situative Überzeugungskraft entwickeln, ist eine Frage, die bislang kaum in der Forschung thematisiert wurde.“ (Thiel, 2016, S. 417).

Thiel (2016) hat folgende Grundbausteine des Betrugs herausgearbeitet, die nachvollziehbar machen, warum wir alle gefährdet sind, darauf hereinzufallen:

  1. Manipulative Kommunikation: Die Täter:innen sind äußert geschickt und geschult in sozialpsychologischen Überzeugungstechniken. Sie arbeiten u.a. mit Reziprozität, Druck, Schnelligkeit und Dankbarkeit, Angst und Beziehung.
  2. Habitus: Betrüger:innen nehmen oft soziale anerkannte Autoritäts- oder Vertrauensrollen ein, d.h. sie geben sich z.B. als Polizist:innen aus. Allein diese Rolle verführt dazu, Vertrauen zu haben bzw. keine Skepsis gegen Forderungen von Autoritätsperson aufkommen zu lassen, oder sich gar dagegen zu wehren.
  3. „Convincing story line“: Ein wichtiges Element ist ein plausibel scheinendes Narrativ, eine überzeugende Geschichte. „Generell muss das narrative Signal anschlussfähig an das Wissen des Getäuschten – und damit auch an wahre und reale Sachverhalte – sein“ (Thiel 2016, S. 422), wie eben beispielsweise die Geschichte von Einbruchsdiebstählen in der Gegend, oder von Unfällen.
  4. Requisiten: „Je größer ein Betrug aufgezogen wird, desto wichtiger werden Requisiten. Sie untermauern die Täuschung mittels eines greifbaren und gegenständlichen Bezugs zur Realität. Dem Opfer werden entsprechend Urkunden, Zertifikate und Gutachten, Uniformen und Ausweise, Wertgegenstände wie Schmuck, Edelmetall oder Geldbündel […] präsentiert“ (Thiel, 2016, S. 422)

Auswirkungen auf die Opfer

Die Forschung auf dem Gebiet „Betrugsopfer“ nimmt zwar in letzter Zeit zu. Aber im Vergleich zu anderen Delikten hat das Thema nach wie vor eine Randstellung inne (vgl. Dodge, 2020).

Dass Betrug massive Auswirkungen auf die Opfer haben kann, zeigt sich immer wieder. So kam es unlängst sogar zum tragischen Selbstmord eines Mannes, der per Mail der Kinderpornografie beschuldigt worden war. Obwohl die Anschuldigungen haltlos waren, war die Verzweiflung und Angst vor öffentlicher Ächtung so groß, dass er keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich umzubringen.

„Die Konsequenzen für die Opfer beschränken sich nicht auf finanzielle Schäden. Oft sogar schwerer wiegen […] andere die Lebensqualität mindernde Folgen wie Scham, Angst/Unwohlsein in bisher als sicher wahrgenommenen Umgebungen und Kontexten, Sorge um die eigene Autonomie, der Verlust von Lebensmut und Vertrauen (was Vereinsamung zur Folge haben kann) (Görgen et al., 2014, S. 23).

Zu ähnliche Erlebnissen kam auch Dogde in ihrer Studie. Auch sie streicht heraus, dass Betrugsopfer ähnliche Symptome aufweisen können, wie Opfer von Gewalttaten. Es kommt zu psychischen und medizinischen Problemen wie Schamgefühl, Ängsten, Depressionen, Wut, Ohnmachtsgefühlen, Selbstvorwürfen bis hin zu Suizidalität (vgl. Dodge, 2020).

Dies bestätigt sich auch immer wieder am Opfer-Notruf des Bundesministeriums für Justiz und in Beratungsgesprächen beim WEISSEN RING, wo oft ähnliche Symptome geschildert werden. Sogar dann, wenn der Betrug rechtzeitig erkannt wird, bleiben psychische Folgen. So erzählte eine Frau, die den Betrug durchschaut und im Endeffekt nicht darauf hereingefallen war, wie sehr sie dies dennoch mitnimmt: „Ich zittere immer noch, obwohl eigentlich nichts passiert ist. Ich kann nicht mehr schlafen und habe Angst“.

Zum Weiterlesen

Quellen

  • Bundeskriminalamt (Homepage): Online verfügbar [15.07.2022]
  • Bundeskriminalamt (Homepage): Online verfügbar [19.07.2022]
  • Dodge, Mary (2020): A Black Box Warning. The Marginalization of White-Collar Crime Victimization. In: Journal of White Collar and Corporate Crime. Vol.I(I), S. 24-33. Online verfügbar
  • Ganzini, Linda/Bloom, Joseph (1990): Victims of fraud. Comparing victims of white collar and violent crime. In: The Bulletin of the American Academy of Psychiatriy and the Law. Feb. 1990. Online verfügbar [24.05.2022]
  • Görgen, Thomas/ Wagner, Daniel/ Nowak, Sabine/ Kraus, Benjamin/ Nägele, Barbara/ Kotlenga, Sandra/ Lüttschwager, Nora/ Binninger, Markus/ Fisch, Sarah (2014): Sicherheitspotenziale im höheren Lebensalter. Ein Projekt zur Förderung sicherheitsbezogenen Handelns im Alter und zur Prävention betrügerischer Vermögensdelikte an älteren Menschen. Bericht an das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Online verfügbar [22.07.2022]
  • Thiel, Christian (2016): Die Praxis der Täuschung – ein analytisches Modell von Betrugsmaschen In: Krise – Kriminalität – Kriminologie. Forum Verlag Godesberg. Mönchengladbach. Online verfügbar [30.05.2022]

erstellt von: Susanne Kammerhofer

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