Zwischen Schlagzeile und Schutz – Kriminalitätsopfer in den Medien

Das war das 16. Symposium zum Tag der Kriminalitätsopfer am 17.02.2026

Diese Woche luden das Bundesministerium für Inneres und der WEISSE RING zum Symposium anlässlich der Europäischen Tags der Kriminalitätsopfer.

Begrüßung

Die Begrüßung erfolgte durch Lyane Sautner, Präsidiumsmitglied des WEISSEN RINGS. Sie betonte, dass sich der WEISSE RING dafür einsetzt, die Rechte und Bedürfnisse von Kriminalitätsopfern zu stärken – auch im Zusammenspiel mit Medien. Dazu gehören klare rechtliche Rahmenbedingungen, eine enge Zusammenarbeit mit Opferhilfeeinrichtungen und der kontinuierliche Dialog mit Medienschaffenden. Sie stellte allerdings auch klar, dass Opferschutz nicht die Aufgabe einer einzelnen Institution sein kann, sondern eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung ist.

Begrüßungsworte und Statements der anwesenden Minister:innen

„Die Polizei nimmt ihre Verantwortung in der Öffentlichkeitsarbeit – vor allem auch gegenüber den Opfern – konsequent wahr“, sagte Innenminister Gerhard Karner. „Das Ziel dabei ist klar: verlässliche und gesicherte Informationen für die Menschen und Schutz den Interessen der Opfer.“

Justizministerin Anna Sporrer sagte: „Der heutige Tag der Kriminalitätsopfer rückt den Opferschutz in den Fokus. Er erinnert uns daran, dass wir die Rechte von Opfern sowohl vor Gericht als auch in der öffentlichen Wahrnehmung stärken müssen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Victim Blaming in den Schlagzeilen Betroffene zu Objekten der öffentlichen Neugier macht. Ich danke dem WEISSEN RING und allen, die sich tagtäglich für die Rechte von Kriminalitätsopfern einsetzen – sie sind die starke Stimme für jene, die in unserer Gesellschaft oft nicht gehört werden.“

„Kein Geld der Welt kann das Leid lindern oder den Schmerz nehmen. Dennoch ist es Aufgabe des Sozialstaates, diese Menschen in schweren Stunden nicht alleine zu lassen, sondern ihnen unterstützend zur Seite zu stehen“, sagte Sozialministerin Korinna Schumann. „Politische Verantwortung geht weit über die Strafverfolgung hinaus. Das Verbrechensopfergesetz ist ein wirksames Instrument, das Opfer von Verbrechen und ihre Hinterbliebenen unterstützt – etwa mit Schmerzengeld, dem Ersatz von Bestattungskosten und dem Zugang zu psychotherapeutischen Behandlungen.“

Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler betonte in diesem Zusammenhang in einer Videobotschaft, dass es unzulässig sei, wenn die Privatsphäre von Verbrechensopfern „zur Ware“ und mit persönlichen Schicksalsschlägen Auflage generiert werde und bekräftigte seine Absicht, die Medienförderung zukünftig an „klare Qualitätskontrollen“ zu koppeln.

Im Publikum und am Redner:innenpult u.a.: Maria Windhager (Medienrechtsanwältin), Lyane Sautner, Udo Jesionek, (beide WEISSER RING), BMin Korinna Schumann, BM Gerhard Karner, BMin Anna Sporrer, der Generaldirektor für öffentliche Sicherheit Franz Ruf, der Leiter des Bundeskriminalamts Andreas Holzer und die leitende Staatsanwältin Michaela Obenaus, Copyright: BMI/Oliver Senger

Impulsreferate mit unterschiedlichem Blickwinkel zum Thema

Die rechtliche Perspektive

Die Fachveranstaltung startete mit einem Impulsreferat der Medienrechtsanwältin Maria Windhager, in dem sie sich mit der Situation von Verbrechensopfern aus juristischem Blickwinkel befasste. Sie erläuterte die jeweiligen strafrechtlichen und zivilrechtlichen Rahmenbedingungen und ging besonders auf das Mediengesetz ein. Als Lösungsansätze erwähnte sie unter anderem das Konzept der „Trusted Flaggers“, Institutionen, die innerhalb der EU rechtswidrige Medieninhalte melden und die Möglichkeit von Innen- und Justizministerium als „Trusted Flaggers“. Eine weitere Frage war die Praktikabilität und Sinnhaftigkeit von Schutzzonen für Minderjährige z.B. nach Amokattentaten wie demjenigen in Graz.

Die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei

Markus Lamb, der Pressesprecher der LPD Steiermark gab in seinem Impulsreferat einen praxisnahen Einblick in die Herausforderungen polizeilicher Kommunikation unter Echtzeitbedingungen. Im Mittelpunkt stand bei ihm die Frage, wie mediale Berichterstattung auf Opfer, Angehörige und laufende Ermittlungen wirkt. Einen besonderen Fokus legte er dabei auf die Verständigung von Angehörigen bei schweren Kriminalfällen und Unfällen. Der Beitrag zeigte auf, dass für Angehörige das Leid nicht selten bereits mit öffentlicher Berichterstattung beginnt, noch bevor eine persönliche Verständigung möglich ist. Zurückhaltung in der Kommunikation ist kein Zeichen von Intransparenz, sondern Ausdruck professioneller Verantwortung, so Lamb. Die Keynote verstand sich ausdrücklich nicht als Kritik am Journalismus, sondern als Einladung zum gemeinsamen Nachdenken über Wirkung, Haltung und Verantwortung.

Die Perspektive der Opferhilfe

Geschäftsführerin Claudia Mikosz und Opferhilfe-Teamleiterin Nadine Stehrlein vom WEISSEN RING fokussierten im dritten Impulsreferat auf die tägliche Arbeit mit Kriminalitätsopfern. Sie machten unter anderem auf die schwierigen Folgen aufmerksam, wenn Verbrechensopfer durch mediale Berichterstattung identifizierbar werden. Aus der Perspektive der Verbrechensopferhilfe ist einerseits wichtig, dass sich Betroffene gut überlegen, ob und unter welchen Bedingungen sie ihre Erfahrungen in den Medien schildern wollen. Der Vortrag betonte auch die besondere Wichtigkeit von Sensibilität in der Berichterstattung sowie die Bedeutung der Berücksichtigung der Bedürfnisse von Personen, die sich eventuell noch in einem Schockzustand befinden. Der Beitrag schloss mit den positiven Auswirkungen medialer Berichterstattung: Betroffene erhalten Information zu Unterstützungsstellen, fühlen sich mit ihren Erfahrungen weniger allein und gehört.

Die Lösungsansätze der Podiumsdiskussion

Am Podium diskutierten Anna Thalhammer (profil), Alexander Warzilek (Presserat), Florian Klenk (Falter), Ingrid Brodnig (Journalistin, Autorin) und Christoph Budin (Kronen Zeitung) mit Geschäftsführerin Caroline Kerschbaumer vom WEISSEN RING, Copyright: BMI/Tobias Bosina

Die anschließende Podiumsdiskussion unter der Leitung von WEISSER RING-Geschäftsführerin Caroline Kerschbaumer näherte sich dem Thema mit dem klaren Ziel, Wege zu einer Berichterstattung aufzuzeigen, die sowohl das Interesse der Öffentlichkeit an Information als auch die Bedürfnisse Betroffener angemessen berücksichtigt.

Alle Anwesenden waren sich darüber einig, dass es wichtig ist, sensible Inhalte in einen erklärenden Kontext einzubetten und gut zu überlegen, wie sehr jeweils ins Detail gegangen werden sollte. Klar wurde auch, dass es für Journalist:innen eine Herausforderung darstellen kann, in möglicherweise überfordernden und bisher nicht erlebten Situationen wie dem Amokattentat in Graz den richtigen Ton und die richtige Art der Berichterstattung zu finden. Zentral für eine sensible Berichterstattung wären dementsprechend Selbstreflexion, das Hinterfragen, ob Artikel oder Details tatsächlich im öffentlichen Interesse sind und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen.

Die Veranstaltung wurde auch live gestreamt und kann hier online nachgesehen werden.
Link zum Sympoium des Victim Support Europe

Copyright Titelbild: BMI/Jürgen Makowecz

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