Zivilcourage 2.0

Jugendliche und Gewalt im Internet

Jugendliche werden heute immer häufiger Opfer von Online Übergriffen wie Cyber-Mobbing, übergriffigen Postings, rassistischen oder anzüglichen Beleidigungen, Erpressungen, denunzierenden und herabwürdigenden Fake-Profilen, Schockvideos bis hin zu physischen Gewalt- oder Tötungsandrohungen. Diese Übergriffe fallen online in der Regel noch massiver aus als im realen Alltag, da die virtuelle Distanz und Anonymität zu einer Enthemmung der Täter*innen führt. Für betroffene Cyber-Opfer ist es besonders belastend, dass solche Übergriffe vor einem ungleich größeren, unkontrollierbaren Kreis unbeteiligter Dritter (sog. Online Bystander) öffentlich zur Schau gestellt werden. Online Bystander haben ein hohes Deeskalationspotential und können den weiteren Konfliktverlauf entscheidend beeinflussen. Dennoch ist die Bereitschaft Jugendlicher, im Fall von beobachteten Online Übergriffen Verantwortung zu übernehmen, gering.

„Für die praktische Präventionsarbeit ist es zentral, ein verändertes Selbstverständnis von Zivilcourage zu fördern, das Bewusstsein für Normverletzungen zu erhöhen, einfache Möglichkeiten im Erkennen und Artikulieren von Hilfebedürfnissen anzubieten und Handlungskompetenzen gezielt zu erweitern.“

Assoz. Prof.in Dr.in Ulrike Zartler, PD, Institut für Soziologie, Universität Wien

Das Projekt „Zivilcourage 2.0“ rückt das Präventionspotential jugendlicher Online Bystander in den Mittelpunkt. Ziel ist es, jene Faktoren zu identifizieren, die zivilcouragiertes Handeln Jugendlicher in Online-Kontexten fördern oder hemmen. Dazu wurden Gruppendiskussionen mit 142 14- bis 19-Jährigen sowie eine Online-Erhebung mit 1.600 Jugendlichen in derselben Altersgruppe durchgeführt.

Erste Ergebnisse zeigen, dass sich Online Zivilcourage aus Sicht von Jugendlichen stark von Offline Zivilcourage unterscheidet: während im Alltagsverständnis Assoziationen wie „Mut“ und „Heldentum“ mit Zivilcourage verknüpft sind, werden Online Interventionen nicht als besonders couragiert betrachtet. Die befragten Jugendlichen betrachten die Opfer als selbstverantwortlich und rechtfertigen ihr Nicht-Eingreifen auf Basis von Schuldzuschreibungen an das Opfer bzw. Verharmlosungen der Situation. Mit steigender Internetnutzungserfahrung eignen sich Jugendliche die Kompetenz an, Online-Übergriffe nicht ernst zu nehmen, und nutzen das als eine Bewältigungsstrategie, um mit negativen Inhalten umgehen zu können. Selbst wenn das Opfer das Bedürfnis nach Hilfe klar signalisiert, lassen sich Online Bystander nur schwer zum Handeln bewegen, da es als „armselig“, schwach und kontraproduktiv gilt, um Hilfe zu bitten. Für die praktische Präventionsarbeit ist es zentral, ein verändertes Selbstverständnis von Zivilcourage zu fördern, das Bewusstsein für Normverletzungen zu erhöhen, einfache Möglichkeiten im Erkennen und Artikulieren von Hilfebedürfnissen anzubieten, und Handlungskompetenzen gezielt zu erweitern.

Projekt „Zivilcourage 2.0“

  • Projektleitung: Ulrike Zartler; Projektmitarbeit: Christiane Atzmüller, Ingrid Kromer
  • Institut für Soziologie der Universität Wien in Kooperation mit der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien/Krems
  • Projektlaufzeit: 2017 – 2019
  • Gefördert im Rahmen des Sicherheitsforschungs-Förderprogramms KIRAS des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie

Assoz. Prof.in Dr.in Ulrike Zartler, PD
Institut für Soziologie, Universität Wien

Präsentation der Studie beim Tag der Kriminalitätsopfer 2019

Oft hören wir von Cybermobbing – vor allem jüngere Personen erhalten im Internet Beschimpfungen und Drohungen von sowohl bekannten als auch unbekannten Tätern. Die Aktualität dieser Belästigungsform machte sie bereits zum Thema vieler wissenschaftlicher Arbeiten. Assoz. Prof. Mag. Dr. Ulrike Zartler beschäftigt sich daher gemeinsam mit Dipl.-Soz. Mag. Dr. Christiane Atzmüller und Mag. Dr. Ingrid Kromer in ihrer Studie „Zivilcourage 2.0“ mit einer bis jetzt eher unbeleuchtetem Seite in diesem Zusammenhang: dem Verhalten der Online-Bystander. Als solche sind nämlich diejenigen zu verstehen, welche die Cybermobbing-Attacke von außen beobachten, sich jedoch nicht dazu äußern, eine Verhaltensweise die im Gegensatz zu unseren eigentlich gängigen Idealen der Zivilcourage steht. Zum diesjährigen Tag der Kriminalitätsopfer hat uns Ulrike Zartler daher einen sehr interessanten Beitrag durch die Vorstellung der Studie geliefert. Wir danken!

Hier gibt es auch einen Artikel der Tageszeitung „Der Standard“ zur Studie. Zur Präsentation geht es hier.

Foto: Copyright WEISSER RING/Orhan Maglajlic